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Antisemitismus

Im September 1996 bewiesen deutsche Neonazis perverses Geschichtsbewusstsein, als sie während des Länderspiels Polen-Deutschland in Zabrze (nur ca. 30 km von Auschwitz entfernt) ein Transparent mit der Aufschrift "Schindler-Juden wir grüßen Euch!" entrollten. Während des gesamten Spieles wurde rechtsradikales und antisemitisches Liedgut gesungen, so u.a. "Wir fahren nach Polen, um Juden zu versohlen."

Antisemitismus hat im Fußballumfeld eine lange Geschichte. Judenhass wird von Neonazis im Stadion geschürt, aber auch viele Fans verwenden "Jude" einhellig als Schimpfwort. Auch der DFB hat seine Rolle zwischen 1933 und 1945 nur mangelhaft aufgearbeitet. Er steht Problemlagen jüdischer Vereine bisweilen hilflos gegenüber.

Der deutsche "Antisemitismus" kommt weitgehend ohne Juden aus. Der Anteil der jüdischen Bevölkerung ist äußerst gering und die Bundesligen haben keine jüdischen Fußballprofis oder Funktionäre. Antisemitische Sprechchöre gehören trotzdem zur Tagesordnung in und um die Stadien. "Jude!" ist ein Schimpfwort, scheinbar wie alle anderen.

Diese Ideologie ist nicht neu. Sie liegt auf einer ungebrochene Linie der NS-Zeit. Wenn der ehemalige Vizepräsident der Offenbacher Kickers, Jürgen Bittdorf, angesichts antijüdischer Ausfälle durch OFC-Anhänger 1993 verkündete, "antisemitische Äußerungen habe es nicht gegeben. Judenpack! wird schon gebrüllt, seit es die Frankfurter Eintracht gibt", ist klar: "Jude!" ist etwas beleidigendes, das wissen alle und da widerspricht auch niemand.

Der Schiedsrichter wird als "Jude" beschimpft, gegnerische Fans werden in Gesängen per U-Bahn nach Auschwitz befördert. Auch kam es zu Schändungen jüdischer Einrichtungen durch Fußballfans, wie etwa im März 1998, als Fans von Hertha BSC auf dem Weg zu einem Auswärtsspiel den jüdischen Friedhof in Brandenburg verwüsteten. Im August 2001 war zu beobachten, wie ca. 150 deutsche Fans im Rahmen des Länderspieles Deutschland gegen England unter "Juden raus!"-Sprechchören auf dem Marienplatz in München randalierten.

Von solchen Schmähungen betroffen sind besonders Vereine, die in ihrer Historie ein jüdisches Umfeld hatten, wie Tennis Borussia Berlin, Eintracht Frankfurt, Bayern München oder die Stuttgarter Kickers.

Bei Tennis Borussia kam in der Regionalliga-Saison 97/98 vieles zusammen: Ein Verein mit jüdischen Wurzeln und einem spendierfreudigen Hauptsponsor. "Wer aus Berlin kommt und dann noch Geld hat, ist Jude, fertig ist das Feindbild für die Rechten", erzählte der damalige TeBe-Manager Horst Linder. Gegnerische Fans besangen den Tod des ehemaligen TeBe-Präsidenten Hans Rosenthal. Er ist ein Holocaust-Überlebender. Trainer Hermann Gerland wurde angedroht: "Dich stecken wir auch noch in den Ofen".

Als Plattenmillionär Jack White TeBe-Vorsitzender war, schrieb die "Mitteldeutsche Jugendzeitschrift - Angriff" ihm 1993 absurderweise eine Intrige gegen den Aufstieg von Union Berlin zu: "Angezettelt hat diesen der Jude Jack White, welcher mit richtigem Namen Horst Nußbaum heißt und mit Fußball eigentlich gar nichts zu tun hat. Ein Herr, der sich für sein zwielichtig verdientes Geld einen Fußballverein gekauft hat." Der jüdische Sündenbock musste wieder einmal herhalten.

Spieler der jüdischen Sportbewegung Makkabi leiden besonders unter antijüdischen Übergriffen. Aufsehen erregten diese Vorfälle vor allem im Dezember 2000, nachdem sich körperliche und verbale Angriffe auf Jugendspieler des TuS Makkabi Frankfurt in den Monaten zuvor gehäuft hatten. Bundesweit nehmen mehrere Makkabi-Teams am Amateurbetrieb teil.Der Frankfurter Verein ging an die Öffentlichkeit, nachdem der Hessische Fußball-Verband auf schriftliche Hilfegesuche nicht reagiert hatte. Makkabi-Spieler waren mit Flaschen und Steinen beworfen worden, seitens gegnerischer Spieler und Fans fielen Äußerungen wie "Wir wollen euch brennen sehen." oder "Du bist wohl auf Schindlers Liste" und "Euch hat man vergessen zu vergasen." Während der Verein über Monate mit seinen Problemen allein gelassen wurde, herrschte plötzlich Betroffenheit.

"Zweifelsfrei: Es hat sehr bedenkliche Zwischenfälle gegeben", sagte etwa der damalige Pressesprecher Wolfgang Niersbach stellvertretend für den DFB. Jener Niersbach, der aufgrund der amerikanischen Presseberichte über die Diskussion um die Austragung eines Länderspiels an Hitlers Geburtstag 1994 eine jüdische Weltverschwörung festgestellt hatte: "Der 20. April steht bei uns nicht auf dem Index. (-) 80 Prozent der amerikanischen Presse sind in jüdischer Hand. Da werden die Ereignisse in Deutschland seismographisch genau notiert."

   

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