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Tatort Hamburg

Seit den frühen 80er Jahren waren rund um den Hamburger Volkspark Fanclubs wie die "Löwen" oder die "Savage Army" dafür bekannt, rassistisches Gedankengut und Gewaltlust zu verbreiten. Verbindungen zum Neonazi Michael Kühnen und seiner Aktionsfront nationaler Sozialisten (ANS) waren nicht nur dem "Spiegel" 1982 eine lange Interviewstrecke wert, sondern fielen auch dem Verfassungssschutz auf. Dieser rechnete jene "militanten Fans" dem organisierten Rechtsradikalismus zu.

Gemeinsam z. B. mit rechten Frankfurter Fans griffen HSV-Fans nach einem Spiel bei der Eintracht die linke Diskothek "Batschkapp" an. Als 1985 rechte Skinheads den Türken Ramazan Avci auf offener Straße erschlugen, tauchten beim Heimspiel des Hamburger SV am 1. Februar 1986 Flugblätter auf, die Politiker für den Mord verantwortlich machten, da diese zu viele Ausländer ins Land ließen.

1988 verpflichtete der HSV den Polen Jan Furtok und sah sich daraufhin mit Drohbriefen eigener Fans konfrontiert: "Das schmutzige Polackenschwein". Die Erfahrungen des Fußballprofis Souleyman Sané stützten solche Erfahrungen: "Am Schlimmsten ist es für mich bei Spielen in Hamburg gegen den HSV gewesen. (-) Oft haben auch die Stadionsprecher an das Publikum appelliert, fair zu uns zu sein. Nur in Hamburg hat es etwas länger gedauert, bis die Fans aufgehört haben, mich zu beleidigen. Aber Hamburg war eine Ausnahme."

Unter dem Eindruck eines DFB-Pokalspiels im Dezember 1990 in Hamburg verfasste Sané einen offenen Brief an alle Fans, in dem er gemeinsam mit Anthony Yeboah und Anthony Baffoe einforderte, "nicht wie Freiwild" behandelt zu werden. "Neger raus!" brüllten Stadionbesucher zum Rückrundenstart ihres HSV im Februar 1992 von der Südtribüne. Adressat war Luis F. Emerson, der bei jeder Ballannahme ausgepfiffen und beschimpft wurde. Als dies bei darauf folgenden Heimspiel wieder passierte, erhoben sich jedoch die Meinungsführer der Hooligans, drehten sich zu den Rufern um und riefen mit gestrecktem Zeigefinger: "Nazis raus!". Unversehens sahen sich die Pöbler in der Minderheit und verstummten.

Mit Sprühaktionen wie "Neger in den Urwald", Flugblättern und Aufklebern verhöhnten einige HSV-Anhänger 1997 die Verpflichtung des Ghanaers Anthony Yeboah. Das neonazistische Blatt "Hamburger Sturm" griff dies auf: "Der Volkspark ist kein Urwald. Auch in der Bundesliga gilt: Arbeitsplätze zuerst für Deutsche."

Auch in Verfassungsschutzberichten fand das Fanumfeld des HSV im Laufe der 90er Jahre wiederholt Erwähnung. Die neonazistische Skinszene des "Hamburger Sturm" und die "Patriotische Jugend" habe "gute Kontakte zu HSV-Fans aus der Hooligan-Szene", hieß es dort. Besonders auffällig wurden diese im Umfeld der Derbys gegen den FC St. Pauli.

1999 outete die "Hamburger Morgenpost" Sven Eggers, Vorsitzender des HSV-Fanclubs "Brigada Bavaria" als "brauner Hetzer" und DVU-Mitglied. HSV-Vertreter Werner Hackmann fand klare Worte: "Wann immer wir erfahren, dass HSV-Mitglieder sich rechtsextremistisch betätigen, schöpfen wir alle Möglichkeiten des Vereins aus, um uns von solchen Leuten zu trennen." Eggers fand Solidarität beim "Nationalen und sozialen Aktionsbündnis Norddeutschland", das neonazistischen HSV-Fans in einer Pressemitteilung im September 1999 ein Forum schaffte: "National gesinnte HSV-Fans aus Hamburg, Tostedt, Neumünster und anderen norddeutschen Städten sind sich indes einig: Wir lassen uns durch politische Repression nicht davon abhalten, unseren Verein aktiv zu unterstützen. (-) Gerade die zunehmende Entfremdung zwischen langjährigen Fans und der Mannschaft aufgrund multikultureller Fehlentwicklungen steht im Mittelpunkt unserer Kritik..."

Im August 2000 berichtete die "MoPo" vom HSV-Fan Andreas F., den ein couragierter HSV-Fan anzeigte, weil F. während einer Schweigeminute für Erdbebenopfer in der Türkei "Wir sind Deutsche, und ihr nicht" gebrüllt und den Hitlergruß gezeigt hatte. Nach der gerichtlichen Strafe und dem Stadionverbot wurde auch der Vereinsausschluss beantragt. An anderer Stelle schrieb die "MoPo" im gleichen Monat von einem international besetzten Neonazi-Konzert in Billstedt. Auf der Bühne hing ein Banner der inzwischen verbotenen Organisation Blood & Honour-Fahne, eingearbeitet das Wappen des HSV. Im Frühjahr 2002 bemühte sich die NPD mit einem Info-Stand im Umfeld Heimspiele gegen Leverkusen und Dortmund um die Gunst der HSV-Fans.

Schon 1993 startete eine HSV-Fangruppe um Carsten "Spreebär" Grab die Aktion "HSV-Fans gegen Rassismus im Stadion" mit Stickern und einer Unterschriftenaktion. Grab resümierte im HSV-Report 3/93: "Leider haben sich damals insbesondere der Verein, aber auch der Dachverband der HSV-Fanclubs und sogar das Fan-Projekt als nicht besonders kooperativ respektive ziemlich passiv erwiesen."

Im September 1998 startete der HSV mit dem Heimspiel gegen Wolfsburg die Flugblatt-Aktion "Wir sind es leid!" und wehrte sich gegen Unterwanderung: "Das Volksparkstadion darf kein Sammelbecken Rechtsradikaler sein." Anlass war die Einführung eines Antirassismus-Paragraphen in die Stadionordnung auf Vorschlag des HSV Supporters Club. Im gleichen Jahr verteilte der HSV Supporters Club beim Derby gegen den FC St. Pauli 4000 Pappkarten mit der Aufschrift "Rote Karte der Gewalt", auf deren Rückseiten u. a. gefordert wurde: "U-Bahn-Lied und andere dumme Pöbeleien gehören heute nicht zu unserem Repertoire. Setzt ein Zeichen und haltet diese Karte beim Anpfiff hoch." 2001 unterstützte der HSV im Heimspiel gegen Hertha BSC die "Stern"-Aktion "Mut gegen rechte Gewalt", indem HSV-Profis und Vorstandsmitglied Christian Reichert u. a. ein Banner im Stadionrund präsentierten.

In einem Interview mit der "MoPo" erzählte Reichert von einer verbesserten Sensibilisierung der Ordner für verfassungsfeindliche Symbole und versprach: "Mein Kollege Dirk Mansen und ich sind bei allen Spielen dabei, also auch bei Auswärtsfahrten. Da schnappen wir uns Leute, die sich in irgendeiner Form ausländerfeindlich verhalten oder gewalttätig werden."

 

   

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