|
Rechte Unterwanderung Immer auf Kameradenfang "Wir beobachten, dass in Deutschland die Zuschauerränge ein reichhaltiges Betätigungsfeld für Neonazis sind. Auch in Deutschland nehmen in den letzten Jahren ausländerfeindliche Parolen zu, und von daher unterscheiden wir uns gar nicht so sehr von dem, was in Italien passiert." (Gunter A. Pilz, 2001) Auf die Frage, wo er rechte Gesinnungsgenossen rekrutiere, antwortete 1983 der mittlerweile verstorbene ehem. Bundeswehrleutnant Michael Kühnen, zuerst Anführer der "Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationaler Aktivisten" ("ANS/NA"), danach der "Freiheitlichen Arbeiterpartei" ("FAP"): "Unter Skinheads und Fußballfans, die uns sehr helfen, aber politisch noch nicht ganz zu uns gehören." Im Rundbrief "Die Innere Front" rief er zum Kampf um die Stadionkurve auf. Die Hamburger "ANS"-Kameradschaft hatte den Auftrag, "den Einfluss unserer Bewegung auf Skinheads, Fußballfans usw. auszudehnen, und trägt die Hauptlast im Kampf gegen unsere militanten Gegner in Hamburg." Die Unterwanderungsversuche neonazistischer Gruppierungen in den Fanszenen deutscher Fußballstadien zeigten sich in der Öffentlichkeit erstmals am 1. Mai 1982 anlässlich des DFB-Pokalendspiels Nürnberg gegen Bayern in Frankfurt/M. Unter "Sieg Heil!"- und "Kanaken Raus!"-Rufen attackierten 250 Fußballfans verschiedener Vereine gemeinschaftlich die Mai-Kundgebung des DGB. Anlässlich des ersten toten Fans bei Fußballausschreitungen in Deutschland (Bremen-Fan Adrian Maleika, nach Steinwürfen von HSV-Fans, 1982) diagnostizierte der "Spiegel": "Immer häufiger erweist sich Gewalttätigkeit als politisch motiviert, sind auf den Rängen Rechtsextremismus und Rassenhass im Spiel." In einem Zwischenbericht bestätigte das Fan-Projekt Bremen 1983: "Nazistische Problemlösungs-modelle scheinen viele Jugendliche heute zu faszinieren; auch die Fußballfans sind hiervon nicht ausgenommen." Bis heute operieren Rechtsradikale unter Fußball-Fans mit Sündenbockmustern, indem sie Minderheiten für politische und soziale Schwierigkeiten verantwortlich machen. Mitglieder und Sympathisanten neonazistischer Organisationen verteilen häufig ihre Propaganda offen vor den Stadien und verdeckt in den Fanblöcken: Wahlwerbung, Aufkleber, Fanzines, Einladungen zu Kameradschaftsabenden usw. In der gezielt gewählten Männerwelt Fankurve verwurzelten sie somit Rassismus, Nationalismus, Sexismus. Nazi-Sprüche werden aufgegriffen und in der Masse mitgegrölt, Aufkleber vor Ort verwendet, Nazi-Symbolik zur Schau gestellt. Beispielhaft für Unterwanderungsversuche ist das Länderspiel Deutschland - Türkei 1983. In Flugblättern wurden Fans aufgefordert: "Am 26. Oktober steht dem Deutschen Volke der Kampf gegen das stinkende Türkenpack bevor. (-) Hinter diesem Spiel steht besonders der Kampf der Deutschen um Arbeitsplätze im eigenen Land und der Wille eines Jeden in Deutschland, unter deutschen Landsleuten zu leben und nicht mit ansehen zu müssen, wie eine immer größer werdende Ausländerzahl die Zukunft eines starken Deutschland gefährdet. Wir - zum Teil jugendliche Fußballfans - müssen uns erheben und gemeinsam Front machen gegen die Ausländerschwemme (speziell Türken) in Deutschland. (-) Nur Gewalt kann uns noch befreien. Werft die Ausländer raus aus Deutschland. (-) Egal welcher Verein: Auf nach Berlin, am 26.10. zum Kampf gegen die Kanaken!" Die "ANS/NA" stimmte ein: "Ausländer raus, bevor der Volkszorn erwacht." Dieses Spiel war Auftakt ständiger Mobilisierungen eines rechten Mobs zu Spielen des deutschen Nationalteams. 1984 sollte zur EM Frankreich überfallen, bei der hiesigen EM 1988 das Vaterland verteidigt werden. Im Zuge des gesellschaftlichen Wandels in Folge der Wiedervereinigung mit ihren ausgeprägten Nationalismen bewegte sich auch die Stimmung in den Fanszenen vielerorts weiter nach rechts: "Wir sind wieder wer!" In den Stadien gehörte die Reichskriegsflagge zum Repertoire vieler Fankurven. Fanzines arbeiteten offen mit neonazistischer Symbolik. Rechtsradikale Hooligans und Fans griffen Menschen nichtdeutscher Herkunft, Obdachlose und sog. "linke Zecken" im Umfeld von Fußballspielen an. Im rechten Fahrwasser sah der "Spiegel" 1990 auch in ostdeutschen Kurven "wachsende Begeisterung für faschistische Parolen." Bis heute etablierte sich eine neue rechte Jugendkultur, die sich auch im Stadion sammelt und weiterhin schleichenden Rekrutierungsversuchen von Neonazis unterliegt. "Es ist in' rechts zu sein", stellte der Düsseldorfer Fan-Projektler Dirk Bierholz in einem Interview mit der "Neuen Ruhr-Zeitung" im August 2000 fest. "Offen martialisches Auftreten ist wieder in Mode." Hierbei drückt sich rechte Symbolik in ständig wechselnden
Codes aus, um z. B. die Stadionordner zu täuschen. Aber auch eindeutige
Parolen sprechen für Vernetzungen mit Antisemitismus und organisierten
Strukturen: "Wir bauen eine U-Bahn von XY nach Auschwitz", wobei
wahlweise der gegnerische Verein eingesetzt wird, oder "Hier marschiert
der nationale Widerstand". |
|