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Vorbilder

Gerhard Mayer-Vorfelder

Personen in hochrangigen Positionen des Deutschen Fußball-Bundes stehen in besonderem Maße in der Öffentlichkeit und übernehmen eine Vorbildfunktion für Fußballfans und jugendliche Nachwuchsspieler. Sie werden von Presse, Funk und Fernsehen zu sportpolitischen Entwicklungen oder zum Spiel der Nationalelf befragt. Auch wirken sie als Prominente und erfolgreiche Funktionäre durch Ansichten über Fußball und persönliche Lebensweisen in Talkshows, Interviews oder eigenen Kolumnen auf die Zielgruppen zurück. Da die Blicke sich zu ihnen richten, können sie mit ihren Aussagen zu Verstärkern oder Beschleunigern gewisser Haltungen werden.

Der Präsident des DFB, langjährige Sportfunktionär und CDU-Politiker Gerhard Mayer-Vorfelder tritt in dieser Hinsicht kontinuierlich in Erscheinung. Bereits im Sommer 1986 sorgte er als Minister für Kultur und Sport in Baden-Württemberg für Aufregung, als er meinte, es könne nicht schaden, wenn Schüler alle drei Strophen des „Deutschlandliedes“ beherrschen und singen würden. Schließlich sängen auch die Franzosen ihre Marseillaise komplett - trotz „ihre(r) Geschichte des Dritten Reiches, die in Frankreich gar nicht viel einfacher war als die Geschichte des Dritten Reiches bei uns.“ Es solle auch wieder mehr Landeskunde als Weltkunde gelehrt werden, damit die Liebe zu Volk und Heimat stärker entwickelt würde. Nach Mayer-Vorfelder brauchen Jugendliche „einen gewissen nationalen Stolz“ - „da haben sie einen Anspruch drauf“. Und das übersetzte er 1989 im „Spiegel“ auch auf den Fußball: „Was wird aus der Bundesliga, wenn die Blonden über die Alpen ziehen und statt dessen die Polen, diese Furtoks und Lesniaks, spielen?“

Noch 2001 kokettiert er mit der von Neonazis besetzten Parole: „Ich bin stolz ein Deutscher zu sein“ - „Unsere Geschichte besteht nicht nur aus zwölf dunklen Jahren“. Sein diffuse Sicht von Geschichte schlug nach dem WM-Sieg einer multi-ethnischen französischen Nationalmannschaft 1998 seltsame Wellen: „Hätten wir 1918 die deutschen Kolonien nicht verloren, hätten wir heute in der Nationalmannschaft wahrscheinlich auch nur Spieler aus Deutsch-Südwest.“

In der Diskussion um Ausländerbeschränkungen in der Bundesliga spielt er eine klare Rolle, denn: „Der südamerikanische und afrikanische Fußball haben genetisch andere Voraussetzungen.“ Im Oktober 2001 sagte er: „Wenn beim Spiel Bayern gegen Cottbus nur zwei Germanen in den Anfangsformationen stehen, kann irgendetwas nicht stimmen.“

Auf einer CDU-Veranstaltung gab er im August 1987 von sich: „Die Chaoten in Berlin, in der Hafenstraße in Hamburg und in Wackersdorf springen schlimmer rum als die SA damals.“ Fußballhistoriker Dietrich Schulze-Marmeling zählte eins und eins zusammen: „Mit anderen Worten: Das Besetzen von leerstehenden Häusern und AKW-Bauplätzen und Steinwürfe gegen Polizisten sind schlimmere Delikte als das Anstecken von Synagogen und Erschlagen von Juden.“ Im Zuge der Ausstellungstour Tatort Stadion hat Mayer-Vorfelder sich inzwischen für diese Aussage entschuldigt.

Er hat von seinem Mentor Hans Filbinger, der 1978 als ehem. Militärrichter der Kriegsmarine in Nazi-Deutschland von seinen politischen Ämtern zurücktreten musste, gelernt, „stets mit offenem Visier zu kämpfen“, „Auseinandersetzungen nie aus dem Weg“ zu gehen, „weil ich ein Konservativer bin“, der seinem Gegner „Auge in Auge gegenüberstehen“ will („Stern“, 2001). „Überzogene Demokratie“ ist ihm ein Dorn im Auge: „Aber wir leben nicht mehr in der Feudalzeit. Wenn Sie heute etwas durchsetzen wollen, müssen Sie darum kämpfen, argumentieren - Gremien, Fraktionen, Koalitionen. Es ist mühsam.“ Für den DFB-Beirat bedeutet das laut MV: „Majoritäten können irren“.

MV ist eine wichtige Persönlichkeit in der nationalistischen Hans-Filbinger-Stiftung, in dessen Reihen auch Christa Meves wirkte, Redaktionsmitglied des strammrechten „Deutschlandmagazins“ - oder auch Paul Schmidt-Carell, der schon unter Hitler 1940 unter dem Namen Paul K. Schmidt Chef der Presse- und Nachrichtenabteilung des Auswärtigen Amtes war.

MV ist Träger der „Bund der Vertriebenen-Plakette für Verdienste um den deutschen Osten und das Selbstbestimmungsrecht“, einer Organisation, die auch für eine Wiedereingliederung des polnischen Oberschlesiens steht. Seine offene Haltung gegenüber den rechtsextremen Republikanern im Württembergischen Landtag tat er im April 2001 im „Stern“ nicht nur als politische Auseinandersetzung ab, sondern gestand kollegiale Kontakte: „Dazu kommt, dass ich mit Rolf Schlierer, ihrem Vorsitzenden, bei den Fallschirmjägern war. (-) Soll ich ihn also im Landtag nicht mehr kennen?“

Es stehen da seine Ansichten, die von rechtsorientierten Hooligans und deutschnationalem Bodensatz gelegentlich auch mit der Faust umzusetzen versucht werden. Somit könnte er zuweilen als Fürsprecher für ein gefährliches Klima in den Fankurven herangezogen werden. „Im deutschen Fußball wird jetzt alles gut. Da ist ja jetzt einer von uns Präsident“, meinten z. B. zwei Neonazis und Fußballfans 2001 im Umfeld der Eröffnung der Arena „AufSchalke“ zu einem ehemaligen Fanprojektler.

Im Angesicht der pogromartigen Ausschreitungen gegen Ausländer Anfang der 90er Jahre, die sich laut Fachautor Dietrich Schulze-Marmeling „nicht zufällig (-) nach dem WM Triumph von Rom 1990“ zum ersten Mal im Fußballkontext ereigneten, sah dieser die Fußballfunktionäre Mayer-Vorfelder & Co in ihrer Vorbildfunktion als „propagandistische Wegbereiter“.

Zwar steht Mayer-Vorfelder mit seinen nationalistischen Positionen zwischen den Repräsentanten des deutschen Fußballs mittlerweile zunehmend alleine da. Als Vorbild für Millionen von aktiven Fußballerinnen und Fußballern und noch mehr Fans jedoch stehen seine Äußerungen den symbolischen DFB-Aktionen für „Toleranz und Fairness“, gegen Rassismus und neonazistisch motivierte Gewalt kontraproduktiv gegenüber. Der DFB fordert von seinen Profifußballerinnen und Fußballern das vorbildliche Verhalten, Aktive auch im Sinne von Toleranz und Fairness zu sein. Würden die Aussagen seines eigenen Präsidenten diesem Anspruch stand halten?

 

   

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